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III. ESF Für ein Europa des Friedens und der
sozialen Gerechtigkeit
Freitag, 15.Oktober im Alexandra
Palace.
Ein überwältigend großer
Palast-Bau, der in den 1930er Jahren den gerade geborenen
BBC-Sender beherbergte und nun in der nördlichen Periferie
Londons zum Gastgeber des dritten Euroäischen Sozial Forums wird.
Der Bürgermeister Londons
selbst, Ken Livingstone, war es, der zusammen mit Aledia Guevara
und Jerri Adams die zweitausend aus ganz Europa zusammengekommenen
Delegierten in der viel zu kleinen Southwark Kathedrale im Herzen
der Hauptstadt willkommen hieß.
Ereignisreiche vier Tage mit
hunderten von Workshops, Seminaren und zahlreichen Plenar-Tagungen
waren den erwartungsvollen Teilnehmern gewiß.
Die 6 Hauptthemen des Forums
hatten das zum Inhalt, was Arundhati Roy, Autor und Preisträger
des Booker-Preises, vortrefflich zusammenfasste; nämlich
Rassismus und der Aufstieg der extremen Rechten, Demokratie und
fundamentale Menschenrechte, die Schaffung einer tragbaren Umwelt,
soziale Gerechtigkeit und schließlich die Diskussionen um Krieg
und Frieden in unserer Welt.
Der erste Eindruck in London
vermittelte eine akkurat organisierte Durchführung des Forums,
wobei besonders darauf geachtet wurde, daß die Veranstaltungen an
gleichen Orten stattfinden, sodaß ein zerstreutes Arbeiten möglichst
vermieden werden konnte.
In diesem Jahr war das ESF auch
ein wahres Festival der Künste; es wurden mehr als 100 Filme
gezeigt unter denen auch eine neue Version des Kampfes in
Allgerien von Ben Bella Premiere hatte. Musiker des Kalibers;
Peter Docherty, Jimmy Page von Led Zeppelin, Mike Jones von Clash
und die Asian Dub Foundation brachten sich zu Gehör, zwischen
drin stellten sich Poeten und Theatergruppen verschiedener Genre
zur Schau und hochwertige Fotoausstellungen sorgten für eine
anspruchsvolle Dekoration der Räumlichkeiten des Forums.
In dem Ambiente der Debatten um
das Thema Globalisierung und Gewerkschaften sprach Herr Gianni
Rinaldini (FIOM/CGIL) aus Italien davon, daß das soziale und
freie Modell mit internationalem Charakter nicht kompatibel sein würde,
denn es unterliege ganz klar den freien Marktgesetzen, den damit
verbundenen Preiskämpfen und freien Wettbewerben denen die
steigenden Beschäftigungskosten und die Offensive der
gewerkschaftlichen Arbeiterrechte gegenüberstehen. Um in dieser
Situation für die Gerechtigkeit der Arbeiter einzustehen müssen
die Gewerkschaften bereits in internationalem Rahmen Verhandlungen
beginnen, auch die Diskussion kleiner Themen wird so einen Weg,
selbst über die internen bürokratischen Hindernisse, bahnen.
Fast zeitgleich sprach der
Generaldirektor der CGIL Guglielmo Epifani über die Wirtschaft
Europas und der Welt und über den Wachstum der Unabhängigkeit
von einzelnen Prozessen, die nur auf globalem Niveau interpretiert
werden können. Anschließend kritisierte er die WTO und deren
Abwesenheit bei Debatten, die Arbeitsrechte und Demokratisierung
der Gewerkschaften zum Thema hatten. Epifani erinnerte zudem
daran, daß derzeit ein Großteil der Bevölkerung der Zukunft
besorgt entgegensieht. Denn es hat den Anschein, daß Europa nun
seine Kräfte zu bündeln sucht und das soziale Modell droht übergangen
zu werden auf der Suche nach einem Ausgang aus der Lage, die
kompliziert ist wenn man sieht was Europa war, was es sein will
und was es nie im Stande sein wird zu werden.
Unzählige Redner sprachen sich;
gegen Rassismus und für mehr Brüderlichkeit aus, und machten auf
politisch soziale und auch politisch landwirtschaftliche
Problemstellungen des neuen Europas aufmerksam. Um nur an einige
zu erinnern, die auf den Tribünen im Alexandra Palace oder auch
der Universität von London zu hören waren, seien; Aledia Guevara
–die Tochter des Che, Attallh Shabbaz –Tochter von Malcom X,
der Dokumentationsautor und Produzent John Pilger, Oronto Douglas
–der Hauptaktivist gegen Shell, Tariq Ramadan –ein
vortrefflicher Islamist, Angela Davis –die amerikanische
Menschenrechtlerin und Shami Chakrabarti –der Direktor von
Liberty, genannt.
„Stoppt den Krieg – Nein zu
Rassissmus – Ein Ende den Privatisierungen – Für ein Europa
des Friedens und der sozialen Gerechtigkeit“ mit diesem Slogan
versammellte sich die Menge am Nachmittag des 17. Oktobers nach
drei unvergesslichen Tagen Sozial Forum am Russel Square. Von dort
aus begann der enorme Demonstrationszug durch die Londoner
Innenstadt, vorbei am Parlament, die Downing Street hinab und
schließlich endete der Strom am Trafalgar Square wo auf einer großen
Konzertbühne die Forumstage festlich beschlossen wurden.
Natürlich können die Londoner
Zahlen nicht mit dem ersten Forum in Florenz verglichen werden
aber dennoch wurde ein Schritt voran getan, besonders was die
Organisation im Vergleich zu Paris anbelangt, auch die Debatten
wiesen eine hervorragende Qualität auf.
Wer weiß, ob es nicht
beispielgebend wird dieses Modell der Teilnahme und Anteilnahme,
weil es nämlich scheint, daß ein großer Teil der Bewegung die
Art der Representation und diese neue Form Politik zu machen
liebgewonnen hat, obwohl vielleicht aus Gründen der
wirtschaflichen Unterstützungen des Bürgermeisters Livingstone
der Labour-Partei (die sich gütiger zeigte als gewohnt) der
demokratische Charakter etwas verlorengegangen ist.
Auf jeden Fall hat sich London,
vor der Terminübergabe an Athen für das nächste Europäische
Sozial Forum, für ein Festhalten an den großen Zielen der
Bewegung ausgesprochen, keine Nachgiebigkeit bei der Mobilmachung
aller gegen den Krieg und die Besetzung Iraks und Palestinas, ohne
aber den Tschetschenien-Konflikt und die Kriege in Afrika aus den
Augen zu verlieren.
Das Londoner Schlußdokument
vergißt auch nicht die Destabilisierung des globalen Klimas, es
unterstützt die Kampagnen gegen die Ogm und spricht für eine
Sicherheit der Lebensmittel, die Garantie für Futtermittel und
die Erhaltung der Umwelt. Das ESF bekennt sich eines Europas,
gegen Mißbrauch und Gewalt gegenüber Frauen und für die
Entscheidungsfreiheit von Abtreibungen, gegen Rassismus und für
die gemeinsame Stärke Europas im Kampf für die Rechte der
Einwanderer und derer die Asyl suchen, für Bewegungsfreiheit und
das Anrecht auf einen Wohnsitz und für eine Schließung von
Besitzzentren. In Erwartung einer Anerkennung der EU-Gesetzgebung,
steht das Soziale Forum keineswegs gegen die Prinzipien und den
Inhalt dessen, dennoch setzt es seine Schwerpunkte gegen
Neoliberalismus als eine offizielle Doktrin für ein gemeinsames
europäisches Grundgesetz und weist auf die Probleme, die mit
einer ökologisch tragbaren Gesellschaft verbunden sind. Denn die
bestehende Konstitution garantiert eben keine Gleichheit für
alle, keine freien Bewegungs- und Wohnrechte für alle Farbigen,
die in bestimmten Ländern, unabhängig von ihrer Nationalität
von europäischer Militärisierung unterdrückt leben und
letztlich nehmen Markt und Wirtschaft die ersten Plätze vor der
sozialen Sphäre ein. Das Schlußdokument schließt mit einem
Appell zu einer Demostration europäischen Charakters, wie sie am
19.März in Brüssel stattgefunden hat. Ein vereinter Wille gegen
Krieg, Rassismus und ein neoliberalistisches Europa, gegen die
Privatisierung, gegen das Projekt Bokestein und gegen Angriffe auf
Redner der Arbeit, für ein Europa der Rechte und der Solidarität
zwischen den Völkern.
Cristiano Marcellino & Steffi Renger |